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Für Aktien wird die Luft dünn

Johnson, der skrupellose Zocker

Erst die Industrie, jetzt Handel und Dienstleister: Viele Unternehmen in Ostwestfalen haben in den vergangenen Jahren vom Konjunkturhoch profitiert, doch nun dreht sich der Wind. Die Erwartungen für die nächsten zwölf Monate trüben sich ein – nicht überall, aber in immer mehr Branchen. Die Ursachen sind in der Regel nicht hausgemacht – sie liegen vielmehr in den globalen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Dazu gehören der Zollkrieg zwischen den USA und China und die chaotische Situation beim Thema Brexit.

In unsicheren Zeiten halten sich die Unternehmen mit Investitionen oft zurück, da kann das Geld noch so billig sein. Diese Unwägbarkeiten lassen sich kaum beeinflussen. Was aber außerdem auffällt, ist die Kritik der Firmen an einer offenbar weiter ausufernden Bürokratie. Sie hemmt das unternehmerische Handeln ebenso wie der weiterhin akute Fachkräftemangel. Bürokratie und Fachkräftemangel – zwei alte Hüte, sollte man meinen. Mitnichten. Die Probleme sind ungelöst und man fragt sich: Wieso? Viel geredet wird ja, aber kaum gehandelt.¹

In beeindruckendem Tempo ist in den zurückliegenden Wochen eine lange Wunschliste der Aktienmärkte beinahe vollständig abgearbeitet worden. Die drohende Italien-Krise ist bis auf Weiteres abgewendet worden, die Chancen, dass der Hard Brexit vermieden werden kann, sind deutlich gestiegen, und im Handelskonflikt gab es zuletzt sehr vielversprechende Signale einer Entspannung. Zu guter Letzt hat schließlich die Europäische Zentralbank mit einem umfassenden Lockerungsmaßnahmenpaket geliefert. An den Aktienmärkten sind diese Nachrichten sehr positiv aufgenommen worden. Seit Mitte August ist der Dax um mehr als 1000 Punkte gestiegen.

In der Stimmungslage der Anlagestrategen hat sich all dies allerdings nicht niedergeschlagen. Im Gegenteil: Seit Sommerbeginn haben Finanzinstitute reihenweise auf eine Untergewichtung von Dividendentiteln umgeschaltet, eine Welle, die bis vor kurzem anhielt. Die insgesamt eher skeptische Haltung ist auch angebracht. Denn das Umfeld ist auch jetzt nicht so, dass ein anhaltender Höhenflug zu erwarten wäre. Tatsächlich wird die Luft auf den erreichten Höhen doch merklich dünn.

Die politischen Risiken haben deutlich nachgelassen, sind aber noch längst nicht vom Tisch. Wie das Brexit-Chaos ausgehen wird, entzieht sich jeder Prognose, so dass die damit einhergehenden ökonomischen Verwerfungen nach wie vor drohen. Und ob die jüngsten Entspannungssignale Vorboten einer nachhaltigeren Lösung im Handelskonflikt sind, ist noch unklar. Die Unsicherheit bleibt bestehen und damit auch die dadurch bedingte, für die sich abschwächende globale Konjunktur bedenkliche Investitionszurückhaltung.

Überdies sind die positiven politischen Entwicklungen ebenso wie die massive globale geldpolitische Lockerungswelle mittlerweile zumindest ein gutes Stück weit in die Kurse eingearbeitet. Letztere hat Dividendentitel, was die relative Bewertung bzw. den Mangel an Anlagealternativen betrifft, in den zurückliegenden Monaten deutlich besser gestellt.

Absolut gesehen sieht das Bild nun aber ganz anders aus. Seit Jahresbeginn hat der Dax um 18 Prozent zugelegt, während die Erwartungen an die Unternehmensgewinne deutlich zurückgegangen sind. Der Konsens geht mittlerweile von einem Rückgang der Gewinne der Dax-Unternehmen im laufenden Jahr um rund 3 Prozent aus, nachdem Ende 2018 noch ein Wachstum von etwas mehr als 10 Prozent erwartet worden war. Im Ergebnis ist das 2019er Kurs-Gewinn-Verhältnis des Dax seit Jahresbeginn von 11 auf beileibe nicht mehr günstige 14,5 gestiegen. Und es steht zu befürchten, dass die bald beginnende Berichtssaison den Abwärtstrend der Gewinnprognosen nicht stoppen kann.

Allerdings werden sich die Blicke in den kommenden Wochen mehr und mehr auf das kommende Jahr richten. Anlässlich der Vorlage der Zahlen für das dritte Quartal werden sich die Unternehmen zu den Aussichten des nächsten Jahres äußern und sich dabei aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gerade euphorisch geben. Derzeit erwartet der Konsens für das Jahr 2020 ein Wachstum der Dax-Unternehmensgewinne von nahezu 15 Prozent. Damit ist absehbar, dass die Erwartungen für das nächste Jahr noch deutlich nach unten geschraubt werden. Für entsprechend wenig begeisternd halten Strategen die Aussichten des Dax im nächsten Jahr. „Wir haben nur geringe Erwartungen an das Anlagejahr 2020“, so die DZ Bank. „Die Gewinnaussichten der deutschen Unternehmen haben sich insbesondere infolge des Handelsstreits der Trump-Administration mit China sowie der Sorgen rund um einen No-Deal-Brexit eingetrübt. Es ist nicht absehbar, dass sich die unruhige politische Gemengelage im kommenden Jahr schlagartig ändern wird und Unternehmer wieder deutlich eifriger neue Investitionen angehen werden.“

Noch könnte sich die Klettertour des Dax durchaus fortsetzen, etwa durch einen Deal bzw. eine Art Waffenstillstand zwischen den USA und China im Handelskonflikt oder eine weitere Leitzinssenkung der Fed in der neuen Woche. Dann dürfte aber allmählich das Ende der Fahnenstange erreicht werden.²

¹Westfalen-Blatt ²Christopher Kalbhenn – Börsen-Zeitung

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